Historie

Geschichte des Palmengartens 1868 bis 1931: Siesmayers „Actiengesellschaft“

Ohne die Preußen hätte Frankfurt vielleicht nie seinen Palmengarten bekommen. Dessen Gründung im Jahr 1868 verdankt sich einer Notlage – und einer mutigen „Bürgerinitiative“. In finanzielle Nöte geriet damals Herzog Adolph von Nassau, dessen Schlosspark in Wiesbaden-Biebrich gut 200 exotische Pflanzen umfasste. Als das Herzogtum 1866 wie Frankfurt von Preußen annektiert wurde, sah sich der adlige Botanicus gezwungen, seine berühmten „Biebricher Wintergärten“ zu veräußern und beauftragte damit Heinrich Siesmayer (1817–1900).

Der Kunst- und Handelsgärtner hatte sich unter anderem mit der Gestaltung des Bad Nauheimer Kurparks einen Namen gemacht. Mit der herzoglichen Sammlung schien realisierbar, wovon er schon eine Weile träumte: Nach Vorbildern in Brüssel und London wollte Siesmayer in Frankfurt einen „Südpalast“ errichten, der als Hort fremdländischer Pflanzen zugleich zum Treffpunkt der Gesellschaft würde. Jetzt brauchte er nur noch Mitstreiter – und das nötige Kapital. Beides fand er bei einigen Honoratioren der Stadt, darunter Leopold Sonnemann, Bankier und Begründer der früheren „Frankfurter Zeitung“. Im Mai 1868 bildete man ein Komitee zum Erwerb der Biebricher Wintergärten. Die „Actien“ der am 6. August 1868 gegründeten Aktien-Gesellschaft fanden in der Bürgerschaft derart reißenden Absatz, dass kurz darauf Adolph von Nassaus grüne Schätze für 60.000 rheinische Gulden den Besitzer wechselten.

Die Stadt überließ der Aktiengesellschaft in Erbpacht sieben Hektar Land an der damals noch ländlich geprägten Bockenheimer Straße. Schon Ende 1869 erfolgte der Umzug der Gewächshäuser, und 1870 fand die erste Blumenausstellung statt. Offiziell eröffnet wurde das neue Gartenreich mit seinem prächtigen Ensemble aus Palmenhaus und angeschlossenem Gesellschaftshaus am 16. März 1871 in Anwesenheit des preußischen Kronprinzen. Drei Jahre später besuchte sogar Kaiser Wilhelm I. den von Bürgern für Bürger kreierten Garten. Die exotischen Pflanzen ebenso wie Konzerte und Bälle, die dort gefeiert wurden, machten ihn bald zur viel gerühmten Attraktion der Stadt.

Die Ära der Aufbaujahre endete 1886 mit dem Abschied von Heinrich Siesmayer als bis dato ehrenamtlichem Direktor. Sein Nachfolger August Siebert (1854–1923), der als Gartenfachmann ebenso wie als Gesellschafter hohes Ansehen in der Stadt genoss, konnte in den knapp vier Jahrzehnten seiner Amtszeit das Park-Gelände mehrfach erweitern und verschönern. Unter anderem schuf er neue Schauhäuser und ein Rosarium, führte die elektrische Beleuchtung ein und legte einen Gartenführer vor. In den Notzeiten des Ersten Weltkriegs dienten Gewächshäuser und Freiland zum Anbau von Gemüse, mit dem Lazarette versorgt wurden. Inmitten des nun schon feinen Villenviertels Westend überstand der Garten die Kriegszeit halbwegs schadlos, nicht aber die folgende Wirtschaftskrise.

Geschichte des Palmengartens 1931 bis 1968: Der Palmengarten in städtischer Regie

Nun überforderten die Kosten für Pflege und Erhalt des Parks die Aktiengesellschaft der Gründerväter, so dass die Stadt Frankfurt, die zuvor schon große Summen investiert hatte, 1931 den Palmengarten in ihre Verantwortung übernahm. Die Nachfolge der Aktionäre trat die Gesellschaft „Freunde des Palmengartens“ an, die bis heute als gemeinnütziger Förderverein die städtische Anlage bei vielen Projekten unterstützt.

Auf Otto Krauss (1865–1935), der nach Sieberts Tod die Leitung übernommen hatte, folgte mit dem Besitzerwechsel Max Bromme (1878–1974) an die Spitze des Hortus Palmarum. Als städtischer Gartenbaudirektor hatte er zuvor schon Frankfurts öffentliche Grünflächen mit neuen Volksparks und Spielplätzen verdoppelt. Jetzt sorgte er unter anderem für Modernisierungen und ließ Blütengalerie und Heidegarten neu gestalten. Bromme begründete überdies das bis heute so beliebte Rosen- und Lichterfest. Sein Plan aber, den Garten samt Grüneburgpark in ein „Reichsarboretum“ zu integrieren, scheiterte nicht zuletzt mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Wieder wurden statt Blumen Kartoffeln und Kohl gepflanzt. Als Frankfurt 1944 unter Bomben in Schutt und Asche fiel, blieb der Garten nicht verschont: Der Westflügel des Gesellschaftshauses und der Musikpavillon brannten nieder, zudem gingen sämtliche Glasflächen zu Bruch.

Der Wiederaufbau erfolgte freilich schneller als anderswo. Die amerikanische Besatzungsmacht bezog das Gesellschaftshaus und beschlagnahmte den Park als „Recreation Center“ für ihre Soldaten. Zugleich sorgte sie nicht ohne Eigennutz für die rasche Beseitigung der Kriegsschäden. Nur etappenweise öffnete sich der Garten wieder für die Bevölkerung, erst 1953 wurde er samt Gesellschaftshaus offiziell an die Stadt zurückgegeben. Als Direktor amtierte seit 1945 Fritz Encke (1904–2000). Zuvor Garteninspektor, war er mit dem Garten bestens vertraut. Nun konnte er ihn wieder zu neuer Blüte führen und 1963 erstmals eine Million Besucher zählen.

So sorgte Encke neben dem Wiederaufbau der Glashäuser und anderer Anlagen auch für vielfältige gärtnerische und technische Neuerungen. Auf Anregung des Posaunisten Albert Mangelsdorff begründete Encke zusammen mit Werner Wunderlich 1959 die beliebte Reihe „Jazz im Palmengarten“, um vermehrt junge Leute in den Westend-Park mit seiner langen Musik-Tradition zu holen. Heute gilt die Veranstaltung als älteste ununterbrochene Open-Air-Reihe in Deutschland und vielleicht sogar weltweit. Enckes Bemühungen um die reichen, nun stetig erweiterten Pflanzen-Sammlungen sowie der Samentausch mit Gärten in aller Welt machten jetzt aus dem vielgerühmten Hort vergnüglicher Flora-Erlebnisse einen veritablen botanischen Garten. Beim Abschied des passionierten Pflanzenkenners 1968 genossen beide internationales Ansehen.

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Geschichte des Palmengartens 1968 bis 1996: Großer Umbau vor dem großen Sparen

Zur 100-Jahr-Feier 1969 hatte im Palmengarten bereits ein neuer Direktor die Zügel in die Hand genommen. Mit dem Botaniker Gustav Schoser trat erstmals ein promovierter Biologe an die Spitze – und sorgte für die größte Umgestaltung in der Geschichte des Gartens. Dem erfahrenen Planer kam die damals wohlgefüllte Stadtkasse zugute, und so leistete er – parallel zu neuen Museen und Kulturtempeln in der Mainstadt – gleichsam naturaliter einen Beitrag zu Frankfurts ehrgeiziger Image-Pflege jener Zeit. Dabei entstand z.B. an der Siesmayerstraße ein repräsentatives Eingangsschauhaus, in dem auch die von Schoser begründete Grüne Schule, Deutschlands erste pädagogische Einrichtung in einem Garten, untergebracht wurde. Mit zwei zusätzlichen Botanikern sicherte er zudem die wissenschaftliche Betreuung der Pflanzen. Weitere wichtige Neuerungen waren das Subantarktishaus, der Umbau der Konzertbühne sowie moderne Gebäude für Betriebstechnik und Gärtnerei. Auch der Rosengarten wurde verlegt und erhielt mit Haus Rosenbrunn einen Ausstellungspavillon; alle übrigen Themengärten wurden neu gestaltet und eine Steppenpflanzung angelegt.

Das zukunftsweisende Tropicarium, in dem man durch zehn verschiedene tropische Vegetationszonen wandert, ist das bauliche Glanzstück der „Schoser-Ära“. Um Platz für den Glashaus-Komplex zu schaffen, erreichte der Gartenchef den Auszug eines Tennisclubs, der seit der Frühzeit inmitten der grünen Oase residiert hatte. So erweiterte sich das Areal auf 22 Hektar. Mit Großereignissen wie der 8. Welt-Orchideen-Konferenz, einer Welt-Kakteen-Schau und internationalen Kongressen für Rosenfreunde oder Sukkulentenforscher verzeichnete man Besucher-Rekorde. Zugleich setzte Schoser bis zu seiner Pensionierung Enckes Werk fort, den Ruf des Gartens allseits zu mehren.

Als Isolde Hagemann 1993 die Direktion übernahm, wehte schon ein anderer Wind durch die Stadt und die Westend-Oase: In der nun angespannten Haushaltslage, die alle Ämter zum Sparen zwang, gelang es der Botanikerin jedoch, im neuen Stil für den Garten zu werben. So gastierte der Hortus Palmarum nicht nur im Ausland, sondern auch im hiesigen Flughafen, in Hotels oder Kaufhäusern. Hinzu kamen Kooperationen, die zu spannenden Ausstellungen führten. Hagemanns Geschick, Sponsoren zu begeistern, verdankt sich auch die Aktion „Rettet das Palmenhaus“. Die prominenten Mitglieder des gleichnamigen Kuratoriums füllten ebenso engagiert wie einfallsreich die Spendenkasse. Hagemann indes trat Ende 1996 von ihrem Amt zurück.

Geschichte des Palmengartens 1997 bis heute: Aufbruch ins 21. Jahrhundert

Matthias Jenny, Hagemanns Stellvertreter und Leiter der wissenschaftlichen Abteilung, übernahm zunächst kommissarisch die Amtsgeschäfte. Seit Januar 1998 ist der habilitierte Biologe Direktor des Gartens. Die Spendenaktion, deren Erfolg 1999 mit der Wiedereröffnung des aufs Feinste sanierten Palmenhauses gefeiert wurde, geriet ihm gleichsam zum Symbol für seine Arbeit und die Zukunft der Grünoase: Wo städtische Budgets knapp sind, gilt es, für alle Projekte Fördermittel von außerhalb zu rekrutieren und dafür stabile Netzwerke zu knüpfen.

Jüngstes Beispiel für Jennys intensive Bemühungen ist die Stiftung Palmengarten und Botanischer Garten. Damit ist nicht nur der Erhalt beider Gärten langfristig gesichert, sondern auch die Möglichkeit, mit Stiftungsgeldern neue Projekte zu finanzieren. Schon geplant sind ein „Merian-Haus“ für Schmetterlinge sowie eine „Mur végétal“ des Tropenbotanikers Patrick Blanc. Gelingt die Finanzierung, könnte entlang der Miquelallee die weltweit längste Pflanzenwand des Pariser Gartenkünstlers entstehen.

Schon fester Bestandteil des historischen Pflanzenhorts sind jene Attraktionen, die in den vergangenen zwölf Jahren realisiert wurden, darunter Geschenke von Unternehmen wie der Goethe-Garten, und das an den Schutz des Tropenwalds gemahnende Baumhaus „Aripuca“. Seit 2003 hat das Kindermusiktheater „Papageno“, das erstmals 1998 im Palmengarten gastierte, hier seine vielbesuchte eigene Spielstätte. Für die jüngsten Besucher wurden überdies mithilfe von Sponsoren die Spielplätze allen nötigen Sicherheitsbestimmungen gemäß umgestaltet. Ab Frühsommer 2011 verlockt die Kleinen sogar ein kreativer Wasserspielplatz zum Planschen. Nach dem Auszug der Berufsschule aus Haus Leonhardsbrunn startete dort 2009 das begeistert aufgenommene Projekt „Kinder im Garten“ in Zusammenarbeit mit Frankfurter Kitas. Drei Sponsoren sichern die Finanzierung für die ersten drei Jahre. Ein Geschenk Lyons zum 50. Jahrestag der Städtepartnerschaft war 2010 das Lichtkunstwerk, das seither den Oktogonbrunnen fulminant illuminiert. Die Gastronomie wiederum bietet schon seit einiger Zeit die Wahl zwischen einem Kinderkiosk, dem Caféhaus Siesmayer mit seiner Sonnenterrasse und der stilvollen Villa Leonhardi.

Die größte Herausforderung in einem lebendigen Gartenreich sind die immer wieder nötigen Sanierungsmaßnahmen. Mithilfe von Spenden erfolgten 2007 die Neuanlage des Rosengartens und 2009 die Neuverglasung der Galerien am Palmenhaus. Um laufende Kosten einzusparen, wird auch das Energiekonzept immer wieder auf den neuesten ökologischen Stand gebracht. Während beim Tropicarium die Finanzierung einer Neuverglasung noch nicht gesichert ist, wird im Gesellschaftshaus schon zügig umgebaut. Das 35-Millionen-Projekt nach Plänen von David Chipperfield ist die größte Baumaßnahme seit Schosers Zeiten. Denn nicht nur die 1929 im Stil der Neuen Sachlichkeit verkleidete, später nochmals veränderte Fassade wird ein neues Aussehen erhalten. Auch der prachtvolle Festsaal mit seinem Oberlicht sowie den historischen Stuckaturen und Wandgemälden wird restauriert. Neben neuen Bankett- und Business-Lounges sollen auch Treppenhäuser und sämtliche technische Anlagen modernisiert werden. Die glanzvolle Wiedereröffnung des Hauses ist für 2012 vorgesehen.

Davon wird nicht zuletzt das Veranstaltungsprogramm profitieren, das seit alters her regelmäßig wiederkehrende Pflanzenschauen, Vorträge, Feste und Konzerte umfasst. In den vergangenen Jahren wurde das Angebot immens ausgeweitet. Ein bis zweimal im Jahr gibt es spannende kulturhistorisch-botanische Themenausstellungen wie zur Pflanzenwelt Chinas, Farbpflanzen oder Pflanzen-Öle. Kunst-Schauen, Lesungen, Buch-Premieren und Erlebnis-Führungen bereichern die Agenda. Das Musikangebot umfasst neben Jazz und Klassik inzwischen auch „Weltmusik“ und „Blues im Palmengarten“. Dort, wo die Besucher des 19. Jahrhundert erstmals exotische Palmen, Kamelien und Zitrusbäumchen entdeckten, lockt im 21. Jahrhundert eine globalisierte Melange von Attraktionen aus Natur und Kultur.

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